| ANTIQBOT WEEKLY #25 |
Woche 32 • August 2026 |
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Gallé: das meistkopierte Glas des Jugendstils
Echte Kamee, Werkstattproduktion mit Stern, rumänisches TIP-Glas oder moderne Kopie? Fünf Checks im Inneren.
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Vase, Emile Gallé, um 1900. Foto: The Cleveland Museum of Art, gemeinfrei.
| Eine Balustervase mit violetten Clematis auf cremefarbenem Grund, signiert Gallé. Das schönste Glas des Jugendstils, und zugleich das meistkopierte. Wer nur die Signatur liest und den Rest nicht prüft, zahlt schnell mehrere hundert Euro für Dekorglas, das fünfzig wert ist. |
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Thema der Woche
Emile Gallé (1846-1904) aus Nancy war Glaskünstler, Möbelentwerfer und leidenschaftlicher Botaniker. 1901 gehörte er zu den Gründern der École de Nancy, jenes Künstlerkreises, der den französischen Jugendstil prägte. Seine berühmteste Technik ist das Kameenglas: zwei bis vier Schichten farbiges Glas, das Dekor mit Flusssäure freigeätzt und bei den besten Stücken am Rad nachgearbeitet. Nach seinem Tod 1904 führte die Firma die Produktion bis in die dreißiger Jahre fort. Diese Werkstattproduktion ist vollwertiges Sammlerglas. Das Problem liegt bei dem, was danach kam: rumänisches TIP-Glas mit abgeschliffener Marke und moderne Reproduktionen mit gefälschter Signatur.
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Objekt der Woche
Der Typ, dem Sie am häufigsten begegnen: eine Balustervase von 25 bis 35 Zentimetern, drei Glasschichten, Dekor aus Clematis oder Hortensien in Violett und Aubergine auf creme- bis lachsfarbenem Grund, signiert Gallé im Kameenrelief. Das waren die sogenannten vases de commerce, die Standardproduktion der Werkstatt, schon damals in Serie gefertigt. Solche Vasen tauchen wöchentlich bei Catawiki, in flämischen Auktionshäusern wie Bernaerts und auf Flohmärkten auf. Genau deshalb sind sie das Lieblingsziel der Kopisten: Das Modell ist bekannt, die Nachfrage groß, und der Käufer schaut oft nicht weiter als bis zum Namen.
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Fünf Checks an einer Gallé-Vase
- Die Signatur. Eine echte Gallé-Signatur ist ins Glas eingearbeitet, im Relief oder graviert, und passt zum Stil des Dekors. Ein Stern vor dem Namen bedeutet Werkstattproduktion zwischen 1904 und etwa 1914. Steht TIP daneben, handelt es sich um rumänisches Dekorglas.
- Streiflicht auf die Signaturzone. Halten Sie die Vase schräg gegen das Licht. Eine matte, geschliffene Stelle neben oder über dem Namen verrät oft eine entfernte TIP-Marke. Das ist der häufigste Betrug bei Gallé.
- Die Schichten zählen. Echtes Kameenglas besteht aus zwei bis vier Schichten farbigen Glases. Am Rand des Dekors fühlt und sieht man eine deutliche Reliefkante. Gemaltes oder emailliertes Dekor auf einer einzigen Schicht ist keine Kamee.
- Das Dekor selbst. Gallé war Botaniker. Blumen und Insekten stimmen anatomisch, mit Tiefenwirkung und Farbverläufen in der Ätzung. Kopien sind steif, symmetrisch und flach.
- Gewicht und Verarbeitung. Viele moderne Kopien sind dick und schwer, mit groben Blasen und rauem Boden. Prüfen Sie den Standring: Altersspuren müssen fein und unregelmäßig sein, nicht maschinell gleichmäßig.
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Schon gewusst
Der Stern vor der Signatur war kein Trick, sondern eine ehrliche Angabe: Zwischen 1904 und etwa 1914 zeigte die Firma damit an, dass der Meister selbst nicht mehr mitwirkte. Ein Stern ist also kein Fälschungszeichen, sondern eine Datierungshilfe. Sammler sprechen vom Stern-Gallé als eigener Kategorie.
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Vertiefung
Die TIP-Geschichte verdient Nuance. In den siebziger und achtziger Jahren fertigten rumänische Werkstätten Kameenglas nach Gallé-Vorbild und markierten es ehrlich mit TIP, kurz für Typ. An sich legitimes Dekorglas, oft sogar ordentlich gemacht. Der Betrug beginnt erst, wenn ein Verkäufer die TIP-Marke abschleift und das Stück als Original anbietet. Hinzu kommt ein steter Strom moderner Reproduktionen, oft aus asiatischen Werkstätten, mit direkt mitgegossener falscher Gallé-Signatur. Man erkennt sie an der Kombination: dickes, schweres Glas, grelle Farben ohne Verläufe, steifes Dekor und eine Signatur, die zu groß und zu auffällig auf dem Korpus sitzt.
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Markt & Wert
Standard-vases-de-commerce erzielen grob 400 bis 3.000 Euro, je nach Größe, Dekor, Farbkontrast und Zustand. Catawiki und Bonhams zeigen wöchentlich Ergebnisse in dieser Spanne. Stern-Gallé liegt im selben Bereich; bei guten Dekoren drückt der Stern den Preis kaum. Das Spitzensegment ist eine andere Welt: Marqueterie de verre und die formgeblasenen Vasen mit Rhododendron- oder Glyzinien-Dekor erreichen bei Christie's und Sotheby's Zehntausende Euro und mehr. Rumänisches TIP-Glas mit intakter Marke ist ehrliches Dekorglas und bleibt meist unter 200 Euro.
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Hinter den Kulissen
Am Dienstag um 17 Uhr erscheint Folge 5 der niederländischsprachigen Dienstagsreihe Design & Vintage, über Louis Poulsen. Der Blog auf antiqbot.com zählt inzwischen fast dreißig Artikel in zwei Sprachen, und dieses Archiv wächst jede Woche weiter auf antiqbot.com/weekly.
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Frage der Woche
“Meine Vase ist Gallé signiert, aber vor dem Namen steht ein kleiner Stern. Ist das eine Kopie?”
Nein. Der Stern bedeutet Werkstattproduktion zwischen 1904 und etwa 1914, nach dem Tod von Emile Gallé selbst. Es ist keine Fälschung, sondern eine ehrliche Datierung, und solche Vasen sind vollwertige Sammlerstücke. Die fünf Checks oben gelten trotzdem: Auch Stern-Vasen werden kopiert.
Eine Frage zu einem eigenen Objekt? Schreiben Sie an info@antiqbot.com
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Nächste Woche
Nächste Woche in AntiqBot Weekly #26 bleiben wir am vertrauten Schreibtisch, mit einem neuen Objekt und fünf neuen Checks, um es zu prüfen.
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