ANTIQBOT WEEKLY  #26 Woche 33 • August 2026

Der Eames Lounge Chair: das meistkopierte Möbelstück der Welt

Vintage Herman Miller, neue Vitra, Nachbau aus der Zeit oder glatte Replik? Fünf Checks im Innern.

Eames Lounge Chair 670 mit Ottoman 671 aus geformtem Palisander-Schichtholz und schwarzem Leder

Eames Lounge Chair (670) mit Ottoman (671), Entwurf 1956. Foto: Wikimedia Commons.

Ein niedriger Drehsessel aus geformtem Palisander-Schichtholz und schwarzem Leder, 1956 entworfen und seither ununterbrochen in Produktion. Kein Designmöbel wird häufiger kopiert. Wer nur die Silhouette erkennt und die Details nicht prüft, zahlt regelmäßig Tausende Euro für eine Replik, die ein paar Hundert wert ist.

Thema der Woche

Charles und Ray Eames entwarfen den Lounge Chair (Modell 670) mit zugehörigem Ottoman (Modell 671) im Jahr 1956 für Herman Miller. Ihr Ziel war eine moderne Fassung des englischen Clubsessels: drei Schalen aus geformtem, furniertem Schichtholz, lose Lederkissen und ein drehbares Aluminiumgestell. Die Vintage-Schalen bestehen aus fünf dünnen Holzlagen; die heutige Produktion verwendet sieben.

Seit 1957 baut Vitra die Eames-Möbel für Europa, und seit 1984 ist die Aufteilung offiziell: Herman Miller für Amerika, Vitra für Europa und den Nahen Osten. Alles, was außerhalb dieser beiden Häuser entsteht, ist kein Original, so nah die Silhouette auch kommt. Und dieses Angebot ist riesig: der Sessel gehört zu den meistimitierten Designmöbeln überhaupt.

Objekt der Woche

Das Paar, dem man am häufigsten begegnet: ein Herman Miller 670 mit 671 aus den Sechzigern oder Siebzigern, Palisanderfurnier, schwarzes Leder, Drehgestell aus gebürstetem Aluminium. Solche Sets laufen wöchentlich über Designauktionen und Catawiki, und gelegentlich taucht eines in einer Haushaltsauflösung oder auf dem Flohmarkt auf.

Genau darum ist dieser Sessel das Lieblingsziel der Kopisten: die Silhouette ist weltberühmt, die Nachfrage groß, die Preise hoch. Das Spektrum reicht von ehrlichen Nachbauten der Sechzigerjahre bis zu heutigen Repliken, die als Original weiterverkauft werden.

Fünf Checks an einem Eames Lounge Chair
  1. Die Shock Mounts. Rückenlehne und Armlehnen hängen an Gummipuffern, die innen auf die Schalen geklebt sind. Nirgends geht ein Bolzen sichtbar durch das Holz. Schrauben oder Bolzen quer durch die Schale sind das schnellste Replik-Signal überhaupt.
  2. Die Schale. Das Original ist dünnes, geformtes Schichtholz mit durchlaufender Furniermaserung: fünf Holzlagen bei Vintage-Stücken, sieben in der heutigen Produktion. Dicke, schwere Schalen, unterbrochene Maserung und Kanten, die nach MDF aussehen, verraten die Fälschung.
  3. Das Etikett. Herman Miller und Vitra lieferten jedes Stück mit Etikett oder Medaillon unter der Sitzfläche, und der Etikettentyp datiert den Sessel. Kein Etikett ist bei alten Stücken nicht sofort fatal, dann aber müssen alle übrigen Checks stimmen.
  4. Das Gestell. Der Sessel steht auf einem fünfarmigen Fuß, der Ottoman auf einem vierarmigen. Repliken vertauschen das regelmäßig oder gießen die Arme dicker und spiegelnd poliert statt des originalen gebürsteten Aluminiums mit schwarzen Akzenten.
  5. Kissen und Sitzwinkel. Das Original lehnt fest und tief zurück, die Kissen schließen mit Reißverschlüssen und einem geschmeidigen Lederkeder. Ein Sessel, der zu aufrecht steht, steifes glänzendes Leder oder ein Styropor-Gefühl beim Hinsetzen: Kopie.
Schon gewusst

Bis Anfang der Neunzigerjahre trugen die Schalen ein Furnier aus brasilianischem Palisander, Dalbergia nigra. Diese Holzart steht seit 1992 auf Anhang I des CITES-Abkommens, der strengsten Kategorie. Die Produktion wechselte deshalb auf Kirsche, Nussbaum und Santos-Palisander. Einen Vintage-Sessel aus brasilianischem Palisander zu besitzen und innerhalb der EU zu verkaufen ist erlaubt, der Export aus der EU verlangt jedoch Dokumente, dieselbe Nuance wie beim Elfenbein in Ausgabe #24.

Vertiefung

Nicht jeder nicht-originale Sessel ist Betrug. Schon in den Sechzigern baute die amerikanische Firma Plycraft Doppelgänger nach einem Entwurf von George Mulhauser, und die sind inzwischen ein eigenes Sammelgebiet: ehrlich sammelbar, solange sie als Plycraft verkauft werden, zu Preisen weit unter Herman Miller.

Das eigentliche Problem ist die heutige Replik-Industrie. Sie kopiert die Silhouette, verrät sich aber in den Details: eine zu hohe, zu aufrechte Lehne, glänzendes Chrom statt gebürstetem Aluminium, hartes, überstepptes Leder, fehlende Shock Mounts. Die gefährlichste Kategorie klebt zusätzlich ein gefälschtes Etikett darunter. Darum ist das Etikett allein nie entscheidend: das Ganze muss stimmen.

Markt & Wert

Vintage-Sets von Herman Miller in Palisander aus den Sechzigern und Siebzigern bringen in gutem Zustand grob 3.500 bis 8.000 Euro; Designauktionen und Catawiki zeigen regelmäßig Ergebnisse in diesem Band. Die früheste Produktion von 1956 bis 1959, erkennbar unter anderem an Daunenkissen und den sogenannten Boot Glides unter den Füßen, liegt darüber: 8.000 bis 15.000 Euro und mehr für dokumentierte Exemplare.

Ein neues Vitra-Set kostet rund 9.000 Euro Listenpreis, was den Vintage-Markt stützt. Repliken kosten neu 400 bis 1.500 Euro und sind gebraucht kaum etwas wert. Der Preisunterschied ist kein Detail: zwischen Original und Replik liegt leicht der Faktor zehn.

Hinter den Kulissen

Am Dienstag erscheint die sechste und letzte Folge der niederländischsprachigen Dienstagsreihe Design & Vintage, über Boch Frères Keramis. Der Blog auf antiqbot.com zählt inzwischen fast dreißig Artikel in zwei Sprachen, und dieses Archiv wächst jede Woche mit auf antiqbot.com/weekly.

Frage der Woche

“Unter meinem Sessel klebt gar kein Etikett. Ist es dann sicher eine Replik?”

Nein, nicht sicher. Etiketten lösen sich nach sechzig Jahren regelmäßig, und beim Neubeziehen wurden sie oft mit entfernt. Bei Vintage-Stücken entscheidet das Ganze: Shock Mounts, Schalenaufbau, Gestell und Kissen. Ohne Etikett liegt die Beweislast aber beim Verkäufer, und der Preis gehört vorsichtiger.

Eine Frage zu einem eigenen Objekt? Schreiben Sie an info@antiqbot.com

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Nächste Woche

Nächste Woche in AntiqBot Weekly #27 bleiben wir am vertrauten Schreibtisch, mit einem neuen Objekt und fünf neuen Checks, um es zu prüfen.

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