ANTIQBOT WEEKLY  #29 Woche 36 • August 2026

Russische Ikonen: alte Ikone, Druck oder Souvenir?

Von Nowgorod bis Palech: fünf Checks, bevor Sie zahlen.

Christus in Herrlichkeit, russische Ikone der Nowgoroder Schule, Tempera und Gold auf Holztafel

Russischer (Nowgoroder?) Maler, Christus in Herrlichkeit, Tempera auf Holz, 1470-1499. The Metropolitan Museum of Art, New York, gemeinfrei.

Wenige Objekte tragen so viel Aura wie eine Ikone: Gold, dunkle Gesichter, der Glanz von Kerzen und Jahrhunderten. Und genau diese Aura wird seit weit über hundert Jahren nachgeahmt. Wer eine Ikone in die Hand nimmt, steht in der Praxis vor drei Fragen: Ist die Tafel alt, ist das Bild gemalt oder gedruckt, und gehört der Metallbeschlag wirklich zur Tafel? Alle drei lassen sich mit bloßem Auge und einer Lupe prüfen.

Thema der Woche

Eine russische Ikone ist kein Gemälde, sondern ein Gebetsgegenstand mit festem Aufbau. Auf eine Holztafel, oft Linde, wird ein Leinentuch geleimt (die Pawoloka), darauf ein weißer Kreidegrund (der Lewkas), darauf Eitempera und Blattgold, und über alles eine Schicht Olifa, ein Leinölfirnis. Ältere Tafeln haben einen Kowtscheg, ein vertieftes Mittelfeld, und auf der Rückseite eingelassene Querleisten, Schponki, die die Tafel plan halten. Gemalt wurde in ganz Russland, doch im neunzehnten Jahrhundert wuchsen die Dörfer Palech, Mstjora und Choluj zu wahren Ikonenwerkstätten für jeden Haushalt heran.

Der gemalten Ikone stehen drei Hochstapler gegenüber. Der Druck: Ab etwa 1890 pressten Moskauer Fabriken wie Bonaker und Zhako Ikonen in Farbe auf Blech und Papier, und heute kommt der Fotodruck auf altem Holz hinzu. Das Souvenir: frisch gemalt oder gedruckt, künstlich gealtert und seit den 1990er Jahren massenhaft an Touristen und online angeboten. Und das zusammengesetzte Stück: ein echter alter Oklad, der Metallbeschlag, auf einer jüngeren Tafel, oder eine alte, aber stark übermalte Tafel, die als unberührt verkauft wird.

Objekt der Woche

Was Ihnen in der Praxis begegnet: Hausikonen des neunzehnten Jahrhunderts mit Christus Pantokrator, der Gottesmutter von Kasan oder dem heiligen Nikolaus, Reisetriptychen aus Messing und Ikonen mit Oklad aus Messing oder Silber, aus Nachlässen, von Flohmärkten und von Catawiki. Oft ohne Papiere, manchmal mit einer eindrucksvollen Geschichte über eine Großmutter aus Sankt Petersburg.

Daneben ein breiter Strom von Zweifelsfällen: Blechdrucke, die als gemalt angeboten werden, Souvenirtafeln mit aufgesprühtem Krakelee und Stücke, bei denen nur der Oklad Alter hat. Wer die Checks kennt, muss darauf nicht hereinfallen; wer sie nicht kennt, zahlt den Preis einer gemalten Ikone für einen Druck.

Fünf Checks an einer russischen Ikone
  1. Die Tafel. Drehen Sie die Ikone um. Eine alte Tafel zeigt dunkles, gelebtes Holz und eingelassene Querleisten (Schponki), die oft etwas locker sitzen, weil das Holz arbeitet; ältere Ikonen haben vorn ein vertieftes Mittelfeld, den Kowtscheg. Frisches, maschinenglattes Holz, geleimte oder geschraubte Leisten und eine schnurgerade Rückseite gehören zur Reproduktion. Echte Wurmlöcher verlaufen unregelmäßig kreuz und quer; gebohrte Löcher stehen zu ordentlich in Reihe.
  2. Malerei oder Druck. Nehmen Sie eine Lupe. Eitempera zeigt feine Pinselstriche und einen Aufbau in Schichten, mit Gold, das knapp über oder unter der Farbe liegt. Ein Druck verrät sich durch ein Punktraster, eine gepresste Blechikone durch ein Relief, das überall gleich tief ist. Achten Sie auch auf das Krakelee: Echte Risse folgen Holzmaserung und Grundierung und unterscheiden sich von Zone zu Zone, gesprühtes Krakelee liegt wie ein Netz obenauf und ist überall gleich.
  3. Der Lewkas. An Rändern und Fehlstellen zeigt sich der Aufbau: unter der Farbe ein weißer Kreidegrund, darunter oft Leinen. Farbe, die direkt auf dem Holz liegt, deutet auf eine moderne Kopie. Achten Sie auch darauf, wo die Abnutzung sitzt: Echte Ikonen nutzen sich an logischen Stellen ab, an Rändern, Ecken und an der Kussstelle unten, wo Generationen dieselbe Hand oder denselben Fuß berührt haben. Abnutzung, die sauber über die ganze Fläche verteilt ist, wurde aufgebracht.
  4. Der Oklad. Ein silberner Oklad trägt russische Punzen: den Feingehalt 84 Solotnik (875/1000), eine Stadtmarke und ein Meisterzeichen, nach 1899 das Frauenprofil mit Kokoschnik. Messing und versilbertes Blech ohne Punzen sind die Volksausgabe, ehrlich, aber bescheiden. Prüfen Sie, ob der Oklad zur Tafel gehört: alte Nagellöcher, die nicht zur heutigen Befestigung passen, verraten eine spätere Ehe. Und wissen Sie, was darunter liegt: Bei einer Podokladniza sind nur Gesicht und Hände gemalt, der Rest der Tafel blieb leer.
  5. Die Rückseite und die Geschichte. Siegel, Etiketten, Inventarnummern und Rußspuren von Kerzen erzählen, wo die Ikone hing; eine Tafel, die Generationen in der Ikonenecke stand, trägt deren Spuren. Und wägen Sie die Geschichte: Ikonen, die älter als hundert Jahre sind, dürfen Russland seit Jahrzehnten nicht legal verlassen. Eine alte Ikone, die angeblich letzten Monat aus Moskau mitgebracht wurde, hat also ein Problem: mit den Papieren oder mit dem Alter.
Schon gewusst

Olifa, der Leinölfirnis über jeder Ikone, wird in achtzig bis hundert Jahren fast schwarz. Generationen lang wurden solche schwarzen Bretter nicht restauriert, sondern schlicht mit demselben Bild übermalt. Unter einer unscheinbaren Ikone des neunzehnten Jahrhunderts kann sich also eine ältere und bessere verbergen; Restauratoren legen diese Schichten manchmal Lage für Lage frei. Dunkel ist bei Ikonen kein Mangel, sondern Information.

Vertiefung

Wer alte Ikonen sucht, trifft schnell auf die Altgläubigen, die Gemeinschaft, die nach den Kirchenreformen des siebzehnten Jahrhunderts an den alten Riten und der alten Malweise festhielt. Ihre Werkstätten malten bis ins zwanzigste Jahrhundert auf die alte Art, mit denselben Materialien und denselben Vorlagen. Eine Ikone im Stil des sechzehnten Jahrhunderts kann also völlig ehrlich 1890 gemalt worden sein; das ist keine Fälschung, sondern Tradition, und der Preis folgt dem wirklichen Alter.

Die Grenze liegt beim Vorsatz. Um 1900 malten dieselben geübten Hände auch bewusste Fälschungen früher Ikonen für Sammler, falsches Alter inklusive, und das geschieht heute wieder. Deshalb wiegt der Aufbau schwerer als der Stil: Tafel, Grundierung, Krakelee und Abnutzung müssen dieselbe Geschichte erzählen wie das Bild. Passt eine Schicht nicht, gewinnt die Schicht, nicht die Geschichte.

Markt & Wert

Gewöhnliche Hausikonen des neunzehnten Jahrhunderts, ein Nikolaus, eine Gottesmutter von Kasan, ein Pantokrator, erzielen auf Auktionen wie Catawiki grob 100 bis 500 Euro, je nach Format, Qualität und Zustand. Feiner gemalte Stücke, datierte Ikonen und Ikonen mit gepunztem Silberoklad liegen zwischen 1.000 und 5.000 Euro, und frühe oder museale Stücke erreichen bei Christie's und Sotheby's Zehntausende.

Blechikonen und Drucke bleiben Dekoration: 20 bis 80 Euro, so fromm das Bild auch ist. Ein gesprühtes Souvenir ist als Kunstwerk nichts wert. Das Muster ist vertraut: Zwischen gemalt und gedruckt liegt schnell ein Faktor zehn, und der Unterschied sitzt unter der Lupe, nicht in der Geschichte des Verkäufers.

Hinter den Kulissen

Nach den Bronzefiguren der letzten Woche legt AntiqBot Weekly wieder einen Klassiker aus dem Kunstkabinett auf den Tisch. Das vollständige Archiv, von afrikanischen Masken bis zu Gallé und dem Wishbone Chair, steht auf antiqbot.com/weekly und wächst jeden Sonntag weiter.

Frage der Woche

„Meine Ikone ist fast ganz schwarz geworden. Kann ich sie mit etwas Öl reinigen, wie meine Mutter früher?“

Bitte nicht. Öl nährt die Oberfläche einen Moment lang und zieht danach Staub und Schmutz an; das Brett wird nur dunkler. Das Schwarz ist meist der gealterte Olifa-Firnis, und der lässt sich nur mit Lösungsmitteln und Geduld abnehmen, Schicht für Schicht, ohne die Tempera darunter zu berühren. Das ist Arbeit für Restauratoren. Eine gute Reinigung kann eine Ikone wieder strahlen lassen, und manchmal kommt darunter ein älteres Bild zum Vorschein; ein Hausmittel kann diese Chance für immer verderben.

Eine Frage zu einem eigenen Objekt? Schreiben Sie an info@antiqbot.com

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Nächste Woche

Nächste Woche in AntiqBot Weekly #30 legen wir ein neues Objekt auf den Tisch, wieder mit fünf Checks, um Echtes von Falschem zu trennen.

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